16 March 2026, 00:55

Buhrufe bei Wagners Meistersingern: Als Celans Todesfuge die Staatsoper Stuttgart spaltete

Ein Vintage-Plakat mit einer Frau in einem weißen Kleid, die eine Harfe spielt und ein Mikrofon hält, mit der Aufschrift "Geschichten der Wagner-Oper" oben und einer Menge im Hintergrund.

Buhrufe bei Wagners Meistersingern: Als Celans Todesfuge die Staatsoper Stuttgart spaltete

Eine jüngste Aufführung der Meistersinger von Nürnberg an der Staatsoper Stuttgart sorgte für Aufsehen, als Zuschauer während der Rezitation von Paul Celans Todesfuge buhten. Der Vorfall hat die Debatte über künstlerische Interpretation und Publikumreaktionen in der Oper neu entfacht. Ein Beobachter, der sich an eine eigene umstrittene Ring-Tetralogie in Stuttgart erinnert, sieht solche Momente mittlerweile als Teil der emotionalen Wucht der Oper.

Bei der Premiere am 7. Februar 2026 entschied sich Regieführerin Elisabeth Stöppler, Celans holocaustbezogenes Gedicht mit Wagners Vorspiel zum dritten Akt zu überblenden. Einige Besucher riefen "Hört auf!" und "Wir wollen Musik!", um ihren Protest auszudrücken. Johannes Lachermeier, Kommunikationsdirektor der Staatsoper Stuttgart, bezeichnete die Unterbrechung später als "Innehalten zur Reflexion", bevor das Publikum applaudierte. Gleichzeitig verurteilte er das Buhen als respektlos gegenüber Celan, einem Überlebenden des Holocaust.

Der Beobachter, der sich an seine eigene heftige Reaktion auf eine fragmentarische Ring-Inszenierung aus dem Jahr 1996 in Stuttgart erinnert, gab zu, sich zunächst von der Regie brüskiert gefühlt zu haben. Mit der Zeit lernte er jedoch, die Visionen der vier verschiedenen Regisseure zu schätzen. Heute unterscheidet er zwischen dem Buhen gegen Sänger – das er als verachtenswert bezeichnet – und dem Buhen aus tiefer emotionaler Überzeugung, das er nachvollziehen kann. Zwar anerkennt er Lachermeiers Empörung, sieht aber auch die Komplexität von Publikumreaktionen in der Oper.

Das Land Baden-Württemberg hat bisher keine offizielle Stellungnahme zum Vorfall abgegeben.

Der Vorfall verdeutlicht die Spannung zwischen künstlerischem Wagnis und Publikumserwartungen. Die Staatsoper Stuttgart deutete die Störung als Moment kollektiver Reflexion, dem Beifall folgte. Die Frage, wie weit Regisseure in der Oper Grenzen ausloten dürfen, bleibt vorerst unbeantwortet.

AKTUALISIERUNG

Produktionsfortschritt trotz Kontroversen

Die Opernreihe hat mit mehreren Vorstellungen nach der Premiere am 7. Februar weitergemacht. Weitere Vorstellungen fanden am 1., 8., 14. und 22. März 2026 statt, wobei Michael Volle die Rolle des Hans Sachs für die letzte Vorstellung am 22. März übernahm. Martin Gantner spielte Hans Sachs initially im Februar.